Gudrun Thiessen-Schneider

Die Pferde sind los!

 

Jutta Konjer fotografiert, näht, schreibt, zeichnet und zieht in ihrem Atelier eßbare Pflänzchen groß. Sie baut kultische Stätten nach, die sich zusammengefaltet mitnehmen lassen, da sie aus Stoffen bestehen. Sie hat einen maßstabsgetreu verkleinerten und immer noch vier Meter hohen Triumphbogen genäht, ein Nomadenzelt und ein Haus, in dem man stehen und gehen kann, und sie hat ins Monumentale vergrößerte Kleidungsstücke, wie Kinderkleid, Unterhose und Hemd, geschneidert, wie sie nur Riesen passen und sie an zwischen Stadthäusern gespannte Wäscheleinen gehängt. Sie hat eine sechs Meter hohe Giraffe aus Stoff genäht, einen lebensgroßen Elefanten und eine Ente. Und alle Objekte hat sie neben den für die Statik notwendigen Gerüsten mit kleinen Erzählungen versehen, die wissenschaftliche Erläuterungen zu Triumphbogen, Häusern und Kleidung, zu Enten und Elefanten enthalten. Sie hat Kaninchenknochen gesammelt und sie als Kaninchenbausätze angeboten und ist dem durch Weihnachtsbaum und Nikolaus verkörperten Ritual Weihnacht auf seinen überlieferten Grund gegangen. In einem Glaskasten baumelten kopfüber Weihnachtsbäume, umgeben von einem Fries selbstinszenierter Fotos, in denen sie die Hauptrolle spielt. Motiv dafür war der bedauernswürdige Umgang der Jetztzeit mit dem Ritual.

Schwarzweiße Fotos in alten Bilderrahmen erzählen von der Einzigartigkeit zweier Personen und eines Hundes in Posen und Situationen, die weit entrückt zu sein scheinen. An die Manipulierbarkeit und Reproduzierbarkeit des Mediums Fotografie lassen sie den Betrachter vorerst nicht denken. Rahmen und Fotos sind Unikate.

Ein aus vielen bunten Stoffflicken zusammengenähter und durch Schnüre von oben gehaltener Körper, der die Urform Haus repräsentiert ganz so wie Kinder es immer zeichnen, erzählt die lange Geschichte vom Leben in gebauten Häusern, die, ebenso wie die Stoffe, Schutz bieten. An das reale Lasten des Körpers Haus lassen sie erst denken, wenn unsere Hände das Material begreifen und damit das gesamte Objekt ins Wanken bringen.

In der Arbeit Laubraum hat es den Anschein, daß die von buntem Herbstlaub bedeckten oberen Wandhälften eines Zimmers wie durch das plötzliche Innehalten des von der Decke rieselnden Laubes entstanden sind. Eine imaginäre Linie, die sich über die Mittelachse der Wände hinzieht, bildet Erdlinie und formale Unterkante zugleich. Somit befindet sich unser Standort, wenn wir dem physikalischen Schein glauben, unterhalb des Horizontes.

Fotos, Stoffkörper und dieser Laubraum erzählen von etwas, das weitaus komplexer ist als sie selbst. Die Arbeiten von Jutta Konjer enthalten Geschichten oder setzen Geschichten voraus, die wir bereits kennen. Obwohl subjektiv geschrieben, werden sie von einem fiktiven Erzähler erzählt. Weiter- und Wiedererzählen trägt entscheidend zu unserem Selbst- und Weltverständnis bei.

Die Elemente, die Jutta Konjer verwendet, sind zumeist Dinge ihres ganz persönlichen Lebens, Requisiten ihrer eigenen Lebensgeschichte. Die getragenen Kleidungsstücke etwa, aus denen sie das 3 x 2 x 2 m große Haus genäht hat, stammen nahezu alle von ihrem Lebenspartner und ihr selbst und haben einmal eine Zeitlang zu ihrer persönlichen Identifikation beigetragen.

Das Ideal der Romantik war die Verbindung aller Künste. Jutta Konjer verfolgt ihre Werkschienen in gleicher Weise. Getragen und gehalten werden sie durch zahlreiche Ideen, die Jutta Konjer in Skizzenbüchern sammelt, archiviert und lange prüft. Keine der umgesetzten Arbeiten ist spontan entstanden, alle sind sie Ergebnisse langer Prozeduren. Wie es die Arbeit "Die Pferde sind los" verbildlicht: Zwölf Hufeisen hängen an langen Marionettenfäden, die kurz über dem Boden enden. Marionettenspieler sind nicht zu sehen, wohl aber die Kreuze, mit denen sie Bewegungen manipulieren könnten. Die potentiellen Bewegungen der ebenso unsichtbaren Pferde werden nur durch zufällige Schwankungen der Fäden angedeutet. Die Marionettenspieler sind wir und die acht zugeordneten Fotografien zeigen auch nicht mehr als die Requisiten einstmals von Pferden belebter Orte. Verborgene Geschichten um die unsichtbaren Pferde müssen wir uns vorstellen können.

Jutta Konjer führt Begriffe auf ihre Wurzeln zurück. Und letztlich läßt sie dabei alles als Endlosschleife offenbar werden, denn es beginnt immer wieder, zerspringt in andere Teile und arrangiert sich neu. Anfang und Ende sind wahllos gesetzte Punkte, zwischen denen sich die Geschichten aufreihen wie an den Marionettenschnüren oder an den Wäscheleinen. "Vergangenheit und Zukunft spielen Schwarzer Peter. Das Jetzt schwindet nebulös."

So suggerieren Jutta Konjers Fotos Wahrheit, auch wenn sie allesamt gestellt sind. Sichtbar macht dies der verlängerte Selbstauslöser, der Bestandteil der Fotos ist, wie es die Schnüre und Gerüste in ihren plastischen Arbeiten sind. Hier spielt sie voller Witz und Ironie die Dialektik von Objektivität und Manipulation aus. Ihre Strategie ist das Denken, und ihre Werke sind die Mittel. Sichtbares und Verborgenes treten ein in ein Wechselspiel.

Inhaltlich wie formal bilden ihre Arbeiten ein Ensemble aus Fragmenten mit dynamischem Charakter, das weiter wächst und in allen möglichen Kontexten wie z.B. Alltag oder kulturellem Zitat erweiterbar ist. Das Werk entwickelt sich zur Selbst- und Weltbildkombination. S. Rushdie bezeichnet heutige Biographien als Lebenscollagen. Das Ich sei ein schwankendes Bauwerk, das wir aus Fetzen, Dogmen, Kindheitsverletzungen, Zeitungsartikeln, Zufallsbemerkungen, Filmen, kleinen Siegen, Menschen, die wir hassen, und Menschen, die wir lieben, zusammensetzen.

Die Arbeiten von Jutta Konjer mögen diese Feststellung zwar illustrieren, aber alles, was sie anstellt, geschieht erst einmal im Hinblick auf das Bild. Jede einzelne Arbeit ist klassisch komponiert, sie selbst und zugleich Symbol. Keine ist ein Schnappschußdokument. Immer bleibt die investierte Arbeit sichtbar. Sei es durch den großen Plan, aus den Facetten von Hunderten von Fotos letztlich ein einziges großes Bild zu schaffen, sei es in Form unzähliger Nähte, die, auf dem kleinen Raum des Nähmaschinentisches gefertigt, den größten Überblick brauchen, oder sei es in Form der Verankerungen der Objekte, die statisches Kalkül und akrobatischen Können voraussetzen.

Jutta Konjers Arbeiten kehren Bedeutungen nicht einfach nur um. Sie spielen auf vielfältige Weise mit dem modernen Streben nach Leichtigkeit, Grenzenlosigkeit und Flexibilität, ohne aber das reale Lasten der Körper aufeinander zu verdrängen. Ihre leicht zu transportierenden Objekte schärfen vielmehr den Sinn für Stetigkeit und langsame Bewegung und das wiederkehrende Verlangen nach verwurzelten Identitäten wie auch nach der Entlastung davon. Sie versuchen, wie im Märchen, die Welt und ihre Dinge in ein leichtes Spiel zu verwandeln – was sie ja vielleicht auch sind.

Wer oder was bin ich? Dem postmodernen Subjekt sagt man eine Vielfalt variabler Identitäten nach. Ein Rollenspielkünstler habe das allemal zu sein und überdies ein kleiner Geschichtenerzähler vom Selbstsein. Jutta Konjer stellt dieses Subjekt einfach auf den Kopf. Imitiertes Sein und Wahrhaftigkeit stehen sich ironisch gegenüber.

Und traust du dem nicht, so wirst du über das Mysterium des Auslösers stolpern!

Lauf, die Pferde sind los!

 

"Die Pferde sind los" - Text von Gudrun Thiessen-Schneider
zu der Arbeit von Jutta Konjer

"...wo ist denn da der Unterschied..."

Der Hund

Alle meine Entchen...

Das Haus