...Wo ist denn da der Unterschied?

 

 

Am Anfang steht das Ende: »Sogar die Worte verlassen uns, und damit ist alles gesagt.« Diesen nicht gerade ermunternden Satz als Ein- oder besser Ausstieg übergehen wir und beginnen mitten drin. Ein schäbiges, heruntergekommenes Hotel, quietschende, aus den Angeln gehende Tür, rechteckiges, in fahles Grau getränktes Zimmer, abgestandene, muffige Luft, die bleichroten Vorhänge zugezogen, ein kaum wahrnehmbarer Lichtschein dringt ein, karg möbliert - falls dieser Ausdruck nicht zu voluminös für diese spärliche Einrichtung ist -. Ich sehe was, was du nicht siehst, dank der akriebischen Beschreibung. In diesem vorsichhindösenden Grau-in-Grau steht auf dem verschmutzten, abgetretenen Dielenboden ein schwarzer Koffer, Lederimitat, an den Rändern abgewetzt, der Griff gebrochen. Wie zufällig liegt auf dem hinkenden Tisch eine vergessene Postkarte, verstaubt. Die Neugierde ist geweckt, Lebendigkeit kommt ins Spiel, die sich gleich in der Schreibweise niederschlägt. Der Koffer ist innenwändig kariert gefüttert, Flecken von Feuchtigkeit, in den Ecken zerfleddert, leer. Und die Postkarte? Die Schrift ist durch Lichteinwirkung bis zur Unlesbarkeit verblaßt, es sind nur noch Satzfetzen »...heute sofort an Mia weiter ... Ulla, wenn zum ... jemand kommt, sind sie14.29 am...« zu lesen. Umseitig drei Figuren auf einem Felsen sitzend, Segler im Abendlicht, abgegrapscht und verknickt. Knapp, präzise, klar. Der Ort ist markiert, die Stimmung eingeleitet, nun folgen seitenweise Spekulationen über den Inhalt des Koffers und die Bestimmung der Karte, über die Reise und den Adressaten, über das Ziel und die Antwort,»...möglicherweise wurde der Koffer hier stehengelassen, der Reisende war bereits am Ziel ... vielleicht war die Karte das Signal zum Aufbruch ... wahrscheinlich gehören die beiden Gegenstände zwei verschiedenen Personen, die sich hier im Zimmer trafen und ...«. Geschickte Erzählmanöver reißen hin und her, man möchte den Koffer selbst in die Hand nehmen, auf Geheimfächer und Spuren untersuchen, den lichtentwichenen Text zurückzaubern oder im Zimmer sinnierend, sich nur die zwei Gestalten und ihre Reise vorstellen. Im Roman gibt es nur Buchstaben, aneinandergereiht in verschiedenen Konstellationen, zu Sätzen gruppiert, schwarz auf weißes Papier gedruckt, »...Es gibt keine Tatsachen, die sich exakt beschreiben ließen, man kann nur Hypothesen aufstellen, Worte, auch wenn man sie noch so sorgfältig wählt, werden die Wahrheit nicht treffen, denn in einer solchen Lage kann man nur zwischen rhetorischen Masken wählen.«. Der Raum ist nun beschritten, mit den Personen ist es da schon schwieriger. Da wäre zuerst einmal eine alte Frau, träumend im Schaukelstuhl sitzend, die von der Arbeit runzeligen Hände im Schoß, weißgraues Haar zum Dutt geknotet, faltiges, blasses Gesicht, auf der rechten Wange ein perlgroßes Muttermahl. Und ein Kind, etwa neun Jahre alt, die Haare zu einem Pferdeschwanz hochgebunden, buntgeblümtes Kleid, aufgeschürfte Knie, laut vorsichhinsingend, fröhlich Himmel-und-Hölle spielend auf dem Asphalt. Und schließlich die Personifikation eines Lächelns - zufällig und unbeabsichtigt -, hinreißend, tritt eigenmächtig ins Geschehen, taucht seitenweise auf und ab, tänzelt selbstständig bis zur letzten Seite, »...Das flüchtige Lächeln, das sie wechselten, mag Anlaß genug sein, diese Geschichte in Gang zu bringen, aber es ist nicht genug, die Intensität der darin enthaltenen Hoffnung oder die Heftigkeit der möglicherweise darin enthaltenen Enttäuschung zu offenbaren.«. In diesem Roman steht eher die eigentliche Bedeutung von 'Person' - Maske eines Schauspielers ...-, die wie 'Des-Kaisers-neue-Kleider' gewendet wird. Die Frau und das Kind verblassen unterdessen stetig, über die Seiten hinweg, einer alternden Photographie gleichend. Damit sind die zwei klaren Figuren verschwunden, ein undurchdringliches Verwirrspiel beginnt. Das Übrige geben Vervielfachung und Zersplitterung der Handlung, man findet sich in dem Satz wieder:»Das Leben ist viele Tage, Tag nach Tag. Wir gehen durch uns selbst, begegnen Räubern, Geistern, Riesen, Greisen, Jünglingen, Brüdern-in-Liebe. Aber immer begegnen wir uns selbst.« Das variierende und allmähliche Zerreißen des Erzählens findet seinen Ausdruck in einer differenzierten Erzählstruktur, in einem Neben- und Durcheinander von Erzählperspektiven, heilloser Verschachtelung verschiedener Spielebenen. Auch die zeitliche Ordnung wird mit zunehmender Seitenzahl aufgelöst, Vergangenheit und Zukunft spielen 'Schwarzer-Peter', das Jetzt schwindet nebulös. In diesem Strudel aus erfundener Zeit, in dem Vorher und Nachher ineinander übergehen, sich auflösen und endlich ganz verschwinden, tritt dennoch kein schauriges Untergangsgefühl ein. Demonstrativ steht in der Mitte geschrieben: "Wenn in der Vergangenheit der Ernst als die dunkle Grundierung des Lebensspiegel galt, ohne die wir nichts begreifen konnten, so wissen wir dank des unerschütterlichen Optimismus unseres verstorbenen Freundes heute, daß das Lachen das helle durchsichtige Glas ist, durch das wir unser Überleben Wahrnehmen können.". Die Gleichsetzung von fiktivem Erzähler und subjektivem Autor hat kein Ergebnis, autobiografisch anmutende Züge verlaufen im Sand, die Konturen sind wegradiert. Das Spiel mit den Personen ist so alt wie das Spiel auf dem Papier. Der Schein der zwei oder mehr Gestalten spielt 'Bäumchen-wechsel-dich' und schwindet gleich wieder. Ein Roman, bestehend aus Geistern, »...Das schreibende Subjekt wird sich selbst nie zu fassen bekommen, welche Kniffe es auch anwendet: es hält am Ende immer den Roman in der Hand, den es per Definition ausschließt.«. Als einziges scheinen die Zahlen klar gesetzt, »der ideale Maßstab für Raum und Zeit« - wie das Symboliklexikon von sich zu geben weiß. Mit dem unbetonten Präfix 'er' sind wir wieder mitten im Geschehen. Althergebrachte Spielarten wie Zerteilung und Verdreifachen wurden in früheren Werken verwendet, zum Beispiel kommt 'Ein-Männlein-steht-im-Walde" gleich dreimal daher, mit innigem Gebüsch, sehnsuchtsvoll aufblickend, und als Vielfaches die erste Hagebuttenstrophe in Kapiteln gliedernd, mit bildhaften Gegendarstellungen. Gegeneinander fährt es dann immanent weiter beim 'Radler' in der Stadt, der aus verschiedenen Richtungen in den Kampf mit Verkehr und Architektur tritt, dem Don Quijote ähnlich. Dort schwindet der Kopf im Fenster, der Reifen bäumt sich in den Asphalt, Beine und Rad queren die Straße Oben ohne, sein Weg scheint Zielgerichtet am Himmel. Oder ein lichtgrüßender 'Seh-man' bei Nacht, still pfeifend das Signal, sein Schiff 'Lisa Lichtenstein' schwankt leuchtend zweifach im kräftigen Farben-mehr. Spiel und Wandlung sind manifest verwendet, 'Ich-packe-meinen-Koffer' könnte der Roman betitelt sein. Die selbstbewußte Illusion, die nicht vorgibt, etwas anderes zu sein, wird in beliebigen Variationen gewendet. Ein fiktiver Raum eröffnet sich tastenklappernderweise, ein weites Feld erscheint, »...Man kennt eine Gegend erst, wenn man sie in möglichst vielen Dimensionen erfahren hat. Auf einem Platz muß man von allen vier Himmelsrichtungen hergetreten sein, um ihn inne zu haben, ja auch nach allen diesen Richtungen ihn verlassen haben.«. Das Ende des Romans? Es gibt keinen Schluß, alles wird sich fortführen, weiterspinnen, endlosschleifenmäßig wickeln, das Lied 'Ein-Loch-ist-im-Eimer' besingt es schon jahrzehntelang. Es beginnt immer wieder, zerspringt in andere Teile und arrangiert sich neu. Anfang und Ende sind wahrlos gesetzte Punkte, an deren Verbindungslinie sich die Geschichte wie eine Perlenkette reiht. Hier ist die Kette gelöst, Ende und Anfang nicht mehr festgesetzt, der zusammengelogene Hang der Geschichte nicht hergestellt. Der Schein der Wirklichkeit ist unauffindbar entschwunden, »...Die Literatur hat uns bisher von fiktiven Gestalten erzählt. Wir gehen weiter, wir werden fiktive Bücher beschreiben. Das ist eine Chance, die schöpferischen Freiheiten wiederzugewinnen...«.

Text: Jutta Konjer

Veröffentlicht in »Spuren«; Hamburg, 1993

"Die Pferde sind los" - Text von Gudrun Thiessen-Schneider
zu der Arbeit von Jutta Konjer

"...wo ist denn da der Unterschied..."

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